VOM TRAPEZ IN DEN ROLLSTUHL

Aufmacher_Pan

© Paraplegie; Februar 2013 / Nr. 145
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Silke Pan fesselte ihr Publikum einst als Akrobatin, Schlangenfrau und Luftkünstlerin. Doch dann stürzte das zierliche Kraftpaket aus der Romandie bei einer Trapeznummer ab – seither sitzt sie im Rollstuhl. Heute lebt die Künstlerin ihre Kreativität und Fantasie in Dekorationen aus Ballons aus.

Von Christine Zwygart

Ihre Hände gleiten dem schlangenförmigen Ballon entlang, an der richtigen Stelle klemmt sie ihn ab und dreht den Latex-Schlauch dann so lange um die eigene Achse, bis der Sektor dicht ist. Silke Pan formt aus dem apfelgrünen Schlauch in Windeseile eine Hand für die ausserirdische Dame, die da vor ihr auf dem Tisch liegt. «Ein gutes Augenmass hilft, die richtigen Proportionen zu finden. Der Rest ist Phantasie», sagt die Künstlerin. Das Geschäftshaus Littoral Centre in Allaman VD verwandelt sich nach und nach in ein Universum: Von der Decke hängen Astronauten, ein Geschwader Ufos greift an, im Hintergrund pulsiert ein Raumschiff und ein Alien mit langen Tentakeln schlängelt sich um die Verkaufsstände.
45’000 Ballons verarbeitet die 40-Jährige mit ihrem Team zu einem begehbaren Weltraum. Die Ideen zu den Figuren hat sie gemeinsam mit ihrem Lebens- und Geschäftspartner Didier Dvorak, 50, entworfen. Wie immer, wenn eine so grosse Dekoration im Entstehen ist, geht’s hektisch zu und her. «Gewisse Ballons kamen zu spät, andere in schlechter Qua­lität», erzählt Didier. Egal – das Kunstwerk muss termingerecht fertig sein. Die Kompresser laufen auf Hochtouren, pressen Luft in die Latexschläuche, aus denen die zehn Ballonkünstler dann die vorgegebenen Figuren formen. Zeichnungen helfen, damit die Konstruktionen am Schluss so aussehen, wie sie das Chef-Duo gerne hätte. Silke und Didier sind ein starkes Gespann. Gemeinsam sind sie früher als Artisten durch die Welt gereist, haben Trapez- und Akrobatiknummer in Freizeitparks und Zirkussen vorgeführt. Bis zu jenem Tag im Herbst 2007.

Hoffnungsvolle Karriere
Schon als Mädchen liebte Silke das Turnen, Tanzen und Trampolinspringen. «Alles was mit Körperbeherrschung zu tun hatte, fiel mir leicht.» So absolvierte sie bereits früh Lehrgänge an Zirkusschulen. Aufgewachsen ist die gebürtige Deutsche in der Westschweiz, mit 18 Jahren zog sie dann nach Berlin, wo sie die staatliche Ballettschule und Schule für Artistik besuchte. «Ein Lebenstraum ging für mich in Erfüllung.»

Silke als Artistin vor dem Unfall.

Silke als Artistin vor dem Unfall.

Mit dem Diplom im Sack, reiste Silke Pan samt Wohnwagen durch ganz Europa, arbeitete im Zirkus, Freizeitpark, bei Modeshows, Openair-Festivals oder im Variété-Theater. «Ich war auf dem aufsteigenden Ast», erinnert sie sich. Das Glück schien perfekt, als sie während eines Engagements auf den Artisten Didier Dvorak traf – die beiden passten gut zusammen. Beruflich wie privat. Viele neue Duo-Nummern entstanden, das Paar genoss hohes Ansehen. In der Saison 2007 arbeiteten die beiden in einem Freizeitpark in Rimini, Italien, und zeigten dort ihre Luftnummer. «Wir fühlten uns in Hochform und unsere Zukunft war mit interessanten Angeboten gesichert», erzählt Silke.
Nach dem Ende der Saison passten die beiden ihre Darbietung auf die Wünsche des nächsten Auftraggebers an. Die Kostüme waren fertig, die Proben fast beendet. Dann passierte der fatale Unfall: «Beim Üben einer Trapezfigur rutschten wir, Didier konnte mich nicht mehr auffangen und ich stürzte auf den Steinboden.» Silke Pan brach sich dabei Rücken und Schädel. Nach einer ersten Operation in Italien, wurde sie ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) nach Nottwil gebracht. «Als ich nach Tagen wieder zu Bewusstsein kam, überfiel mich die grausame Wahrheit.» Die Jahre harter Arbeit, die Träume – alles war weg. «Ich  konnte nicht mehr gehen, fühlte mich nackt und verloren.»

Silke und Didier.

Silke und Didier.

Zerplatzte Träume
Akrobatik war ihre Leidenschaft, sagt Silke Pan noch heute und montiert der ausserirdischen Dame einen Jupe aus Ballons. Damit sie besser arbeiten kann, lässt sich ihr Rollstuhl in eine stehende Position aufrichten. Gute drei Monate vor der Ausstellung haben Didier und sie begonnen, Ideen für Figuren und Skulpturen zu sammeln. Sind diese Pläne umsetzbar? Wenn ja: Wie viele Ballons von welcher Farbe und Grösse müssen bestellt werden? Rund 600 Stunden Arbeit sind nötig, bis die Phantasiewelt steht.
Zerplatzt sind manche ihrer Träume – doch etwas aus dem Artistenleben hat sich das Duo Pan-Dvorak bewahrt: die beiden leben noch heute in einem Wohnwagen. «Wir kennen nichts anderes», sagt Silke. Der neue Caravan ist etwas grösser, damit sie sich mit dem Rollstuhl darin bewegen kann. An ihren «neuen Körper» hat sich Silke aber bis heute nicht gewöhnt.  «Er vollbrachte einst wundervolle Kunststücke, war mein Freund. Heute ist er mir fremd.» Über sechs Monate verbrachte sie in der Rehabilitation in Nottwil, haderte mit ihrem Schicksal, fragte sich das Unvermeidliche: Wieso war das passiert? Was habe ich falsch gemacht? Die Antworten fand sie nicht, aber jahrelanges, hartes Training hat seine Spuren hinterlassen. So gab es nur eine Devise für die Akrobatin: Weitermachen! Lächeln, auch wenn es innerlich schmerzt. Nicht loslassen, auch wenn die Kräfte schwinden. Kopf hoch, stolz bleiben. «Dies war das Einzige, was ich aus meinem vorigen Leben mitnehmen konnte.»

Neue Perspektiven
Nach dem Klinik-Austritt  war das Paar ratlos. «Wir mussten ein neues Leben aufbauen, einen Beruf finden, uns irgendwo niederlassen», erzählt Silke. Doch darauf waren die beiden nicht vorbereitet. Und so taten sie, was sie am besten konnten: eine neue Nummer entwickeln. Didier, der Artist und Ballonkünstler, entwarf einen Rollstuhl mit Flügeln, verzierte die Show mit Ballons. Die Saison 2009 arbeitete das Duo in einem Freizeitpark in Italien. «Die Vorstellung war erfolgreich, aber für mich war es nicht mehr dasselbe», umschreibt Silke diese Auftritte. Diese Künstlerin im Rollstuhl hatte nichts mehr mit der strahlenden Artistin von einst zu tun. «So wollte ich mich nicht verwirklichen.»
Deshalb entschloss sich Silke, eine Ausbildung als Ballonkünstlerin zu absolvieren. Inzwischen hat sich das Duo in der Szene einen Namen gemacht. «Als Artisten haben wir das Kreative in uns. Das passt», mein sie. In Aigle VD hat das Paar eine Halle gekauft, die als Werkstätte dient. Und Silke kann sich sogar vorstellen, in der Nähe eine Wohnung zu suchen. «Das wäre das erste Mal seit 17 Jahren, dass ich einen festen Wohnsitz hätte.»

Silke vor ihrem Wohnwagen.

Silke vor ihrem Wohnwagen.

Das Duo  tritt auch wieder auf  – in einer humoristischen Nummer als Mini Tell und seiner Frau Taglia Tell, samt Elektromobil und Plüsch-Bernhardiner. Die zwei können für Anlässen engagiert werden. «Diese Auftritte mag ich sehr. Wenn ich in diesem kleinen Auto sitze, sieht niemand, dass ich querschnittgelähmt bin.» Und Silke macht auch wieder Sport, fährt erfolgreich Handbike. In der letzten Saison nahm sie an zwölf nationalen und internationalen Rennen teil und erreichet jedes Mal einen Platz auf dem Podest, neun Mal sogar Gold. «Irgendwie kann ich so mit dem Rollstuhl sogar Frieden schliessen».
Die Arbeiten am Ballon-Weltall sind im Endspurt. Noch ist das Raumschiff nicht fertig und dem Oktopus ähnlichen Wesen fehlt das zweite Auge. «Das wird schon», meint Didier gelassen. Silke nickt und weiss, am Schluss ist alles so, wie es sein muss. Wenn die Scheinwerfer angehen und sich alle Augen auf das Duo richten, sind die zwei parat. Wie früher im Rampenlicht. Gelernt ist eben gelernt.

Titel_Pan

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