KINDERWUNSCH – WUNSCHKINDER

© Paraplegie; November 2010 / Nr. 136
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Eltern werden trotz Querschnittlähmung? Bei Männern hilft heute die Medizin, bei Frauen die Natur. Paraplegikerin Isabelle Lamontagne-Müller erzählt aus ihrem Alltag mit zwei Kindern. Und den Sorgen und Freuden, die eine Schwangerschaft im Rollstuhl mit sich bringt.

Von Christine Zwygart

Sie hätte ihrem Arzt in diesem Moment viele Fragen stellen können. Tausend Sachen müssen ihr durch den Kopf gegangen sein. Schliesslich änderte sich das Leben von Isabelle Lamontagne-Müller gerade radikal: Ein Sturz beim Skifahren im Wallis, Lähmung der Beine, mit dem Heli ins Spital, Operation des gebrochenen Wirbels. Dann stand der Arzt neben ihrem Bett – und die junge Frau wollte von ihm als allererstes wissen: «Kann ich noch Kinder bekommen?»
Das war 1990. Seither sammelte die heute 45-Jährige viel Erfahrung rund um Schwangerschaft im Rollstuhl, Geburt und Alltag mit Babys. «Und doch lerne ich jeden Tag Neues dazu», sagt die zweifache Mutter mit einem Lächeln. Wirbelwind Noé, 2, stürmt durch die geräumige Wohnung am Stadtrand von Bern. «Schau, Mama. Ich kann zaubern!» Der Kleine fuchtelt mit einem grünen Farbstift herum, an dessen Spitze ein Stern aus Papier angeklebt ist. Er zielt mit dem «Zauberstab» auf seine Schwester. Magali, 5, sitzt mit Papa Louis, 46, am Stubentisch und setzt ein Puzzle zusammen.

Das Ehepaar verbringt jede freie Minute mit seinen beiden Kindern.

Liebe auf dem Tennisplatz
Querschnittgelähmte Frauen können auf natürliche Weise schwanger werden und Kinder bekommen, denn eine Schwangerschaft wird hormonell gesteuert. Das heisst: unabhängig von der Nicht-Funktion durchtrennter Nerven. Wie viele Para- und Tetraplegikerinnen in der Schweiz schon Mütter wurden, ist unbekannt.
Isabelle Lamontagne-Müller weiss, wie schwierig es für betroffene Frauen ist, überhaupt an Informationen und Kontakte zu kommen: «Als wir eine Familie gründen wollten, habe ich über das Internet vor allem in wissenschaftlichen Publikationen und Büchern aus den USA nachgeforscht.» Ihr Gynäkologe hatte zuvor noch nie eine Schwangere im Rollstuhl betreut. Und so versorgte ihn die werdende Mutter mit Literatur zu heiklen Themen wie der erhöhten Thrombosegefahr, dem Problem des Wundliegens während der Geburt und den in seltenen Fällen drohenden Bluthochdruck-Krisen.
Eine Zukunft ohne Kinder hätten sich Isabelle und Louis vorstellen können. «Wir genossen auch zu zweit ein sehr erfülltes Leben.» Und doch war der Wunsch nach einer Familie stärker. Kennen gelernt haben sich die Schweizerin und der Kanadier im Sommer 1997 in Nottingham (England). Sie spielte dort bei einem internationalen Rollstuhl-Tennis-Turnier, er trainierte das kanadische Damenteam. Die zwei liebäugelten miteinander, zogen zusammen und heirateten im Sommer 2002. Heute führt Louis eine Schule für Kinder mit Sprach- und Lernschwierigkeiten, Isabelle leitet in einem 60%-Pensum die Geschäfte der Schweizerischen Pädiatrischen Onkologie Gruppe. «Ich fühle mich sehr privilegiert, als Familien- und Berufsfrau zu arbeiten. Dafür nehme ich den gelegentlichen ‹Chrampf› gerne auf mich», erzählt sie. Und meint damit: Intensive Nachtschichten mit Arbeiten, die beginnen, sobald die Kinder im Bett sind.

Mit Babybauch im Rollstuhl
«Magali und Noé bereichern mein Leben. Sie waren für mich nie ein Erschwernis», betont Isabelle Lamontagne-Müller. Auch die beiden Schwangerschaften hat sie in bester Erinnerung – abgesehen von der Übelkeit und Müdigkeit. Der wachsende Bauch kam beim Bewegen im Rollstuhl nicht in den Weg. «Beim zweiten Mal wurde es auf meinem Schoss nur für Magali irgendwann eng.»
Wird die werdende Mama die Kindsbewegungen spüren? Das war im Vorfeld schwer abzuschätzen, denn ihre Paraplegie ist inkomplett, unterhalb des Bauchnabels sind gewisse Empfindungen noch da. Das Glück war überwältigend, als sie ihr Baby tatsächlich spürte. «Dieses Gefühl empfand ich als ersten Höhepunkt in der Liebesbeziehung zum Kind.» Es gab aber auch traurige Momente in all den Jahren. So verlor sie zwischen den beiden geglückten Schwangerschaften ein Baby in der elften Woche: «Ich denke auch heute noch oft an dieses Kind, das uns verlassen hat, bevor es richtig angekommen war.»

Die Wickelkommode ist eine Spezialanfertigung. Sie verschafft Isabelle Lamontagne-Müller die nötige Beinfreiheit beim Wickeln von Noé.

Ein Wickeltisch nach Mass
Magali räumt ihre Spielkiste aus, wühlt in Hüten und Umhängen. Dann schnappt sie sich ein Krönchen und setzt es auf. «Herumliegende Spielsachen machen das Durchkommen im Rollstuhl hier manchmal schwer», meint die Mama mit Blick auf das Durcheinander. Treuherzig funkt die Kleine dazwischen. «Ich räume immer brav auf!» Aha. Herzhaftes Gelächter auf beiden Seiten. Noé verdrückt sich derweilen in der Ecke, hält sich krampfhaft am Puppenhaus fest. Mama weiss, was das bedeutet: Windeln wechseln! Sie schnappt sich den Buben und rollt mit ihm Richtung Kinderzimmer. «Auf dem Markt gibts keine praktischen Babymöbel für querschnittgelähmte Mütter», sagt Isabelle Lamontagne-Müller. Als Wickeltisch dient eine Kommode, für die ein Schreiner eine Art Tischplatte mit Rahmen anfertigte. Diese bietet dem Kind genügend Platz zum Liegen und der Mama die Kniefreiheit zum Drunterfahren.
Die Familie hat im Alltag ihre Tricks, um schwierige Aufgaben zu meistern. Beim Gehen auf dem Trottoir gibts zum Beispiel klare Regeln, denn Mama kann die Kinder nicht an der Hand führen – sonst kommt sie im Rollstuhl nicht vorwärts. «Noé ist deshalb meist im Kinderwagen oder auf meinem Schoss. Und Magali geht auf der von der Strasse abgewandten Seite neben mir.» Kapitulieren muss das Trio vor Liften, die für Rollstuhl und Kinderwagen zu klein sind. Das gleiche gilt für öffentliche Toiletten. Und dann gibt’s Situationen, wo die Mutter auf Hilfe von Dritten angewiesen ist: «Es kommt schon vor, dass mir jemand auf dem Spielplatz mein Kind aus dem Sandkasten oder vom Klettergerüst pflücken muss.»

Probefahren mit dem Kinderwagen
Die Geburt wirft bei querschnittgelähmten Frauen vor allem eine grosse Frage auf: Wann geht’s los? Denn die Wehen spüren die meisten nicht. Ganz andere Erfahrungen machte Isabelle Lamontagne-Müller beim ersten Mal: «Ich verlor das Fruchtwasser, ging sofort in die Klinik. Und dann fingen diese Schmerzen an!» Die Geburt kam dennoch nicht recht in Gang, selbst wehenfördernde Medikamente brachten nichts. Magali kam schliesslich per Kaiserschnitt zur Welt. So wie Noé bei der zweiten Schwangerschaft auch.
Fehlt die Erfahrung, muss man kreativ sein und neue, individuelle Wege finden. «Darin sind wir Menschen im Rollstuhl ja eigentlich Experten», sagt Isabelle Lamontagne-Müller. Dennoch sei der Moment, als sie mit dem Baby vom Spital nach Hause kam, ein bisschen «ungewohnt und einschüchternd, aber natürlich vor allem schön» gewesen. Einige Probefahrten mit dem Kinderwagen hatte sie im Fachgeschäft zuvor absolviert, ab jetzt galts ernst.
Ein Leben zwischen Rollstuhl und Kinderwagen. Isabelle Lamontagne-Müller möchte mit niemandem tauschen. «Meine Rolle als Mutter ist das Schönste in meinem Leben, und ich bin dankbar für jede Minute mit meiner Familie.» Klar gibts Wermutstropfen. Skifahren, Eislaufen, Reiten, am Strand oder auf einer Wiese herumrennen – das alles kann sie mit Noé und Magali nicht oder nur sehr eingeschränkt. «Und das tut manchmal weh.» Vor allem wenn der Zweijährige dann erwartungsvoll fragt: «Mama, laufen?»

KÖNNEN QUERSCHNITTGELÄHMTE MÜTTER AUCH STILLEN?

Eduard Infanger ist Chefarzt Gynäkologie und Geburtshilfe am Luzerner Kantonsspital in Sursee. Er unterstützt bei Fragen oder Problemen auch die querschnittgelähmten Frauen im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) Nottwil.

Werden Frauen mit einer Para- oder Tetraplegie auf natürlichem Weg schwanger?
Bei einer reinen Rückenmarksverletzung erholt und normalisiert sich der Zyklus der Frau nach einigen Monaten. Danach bestehen die gleichen Voraussetzungen für eine Schwangerschaft wie bei einer Fussgängerin – eine natürliche Befruchtung ist also möglich.

Müssen die Betroffenen bestimmte Medikamente absetzen?
Bei allen Frauen birgt das Einnehmen von Medikamenten in der Schwangerschaft die Gefahr von Missbildungen. Deshalb muss diese Frage mit dem Arzt sorgfältig besprochen werden. Dabei gilt es vorab zu berücksichtigen, dass das Risiko bei gleichzeitiger Einnahme von mehreren Medikamenten schwierig bis unmöglich abzuschätzen ist.

Brauchen die Frauen während der Schwangerschaft eine spezielle Betreuung?
Die Schwangerschaft läuft biologisch gleich ab wie bei Fussgängerinnen. Durch die Querschnittlähmung brauchen jedoch verschiedene Aspekte eine regelmässige Kontrolle. Dies betrifft zum Beispiel den Verdauungstrakt, Nieren und Blase sowie die Kindsbewegungen.

Spürt eine werdende Mutter ihr Baby im Bauch?
Nein, nicht direkt. Je nach Ausprägung der Querschnittlähmung kann die Frau die Bewegungen aber mit der Hand über dem Bauch ertasten.

Ist eine spontane Geburt möglich?
Sie ist nicht nur möglich, sie wird sogar angestrebt. Die Frau nimmt die Wehen zwar nicht direkt wahr, kann sie aber allenfalls mit der Hand fühlen. Genau fassbar ist der Geburtsbeginn nur indirekt über den Partner und den behandelnden Arzt.

Sind Spitäler für solche Geburten eingerichtet und die Angestellten geschult?
Im Prinzip schon. Das Krankenhaus muss jedoch die spezifischen Probleme einer Querschnittgelähmten aus ärztlicher und pflegerischer Sicht kennen – und diese Probleme auch behandeln können. Frühzeitige Abklärungen sind hier sehr wichtig.

Können querschnittgelähmte Mütter ihre Kinder stillen?
Ja. Zu beachten ist lediglich, dass sie eine geringere Milchproduktion haben können.

ÜBER 70 MAL VATERFREUDEN
Auch querschnittgelähmte Männer können neues Leben schaffen. In den ersten Monaten stehen zwar meist andere Fragen im Vordergrund – wie der Zusammenhalt der Partnerschaft und die eingeschränkte Sexualität. Wird die Familienplanung jedoch aktuell, finden Betroffene umfassende Beratung im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) Nottwil. «Die Spermien-Qualität bei Para- und Tetraplegikern ist im Vergleich zu gesunden Männern schlechter», sagt Konrad Göcking, leitender Arzt der Neuro-Urologie. Eine Insemination oder eine künstliche Befruchtung sei deshalb nötig. «Dazu entnehmen wir Sperma und untersuchen es. Je nach Qualität entscheiden wir, welcher Behandlung sich die Partnerin für eine Schwangerschaft unterziehen muss.» Das SPZ arbeitet mit renommierten Frauenkliniken zusammen, die den Eingriff dann durchführen.
Noch vor 20 Jahren war dies undenkbar. Bei einem Kinderwunsch blieb den Paaren einzig eine Samenspende oder eine Adoption. Querschnittgelähmte Männer haben seit 1995 mehr als 70 Kinder dank der modernen Fortpflanzungsmedizin gezeugt. Bis zu drei Inseminationen (das Einbringen von aufbereitetem Samen in die Gebärmutterhöhle) zahlt die Krankenkasse, die künstliche Befruchtung (im Reagenzglas) müssen die Paare hingegen selber bezahlen.

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