EIN TAG MIT WENDI EBERLE

© Paraplegie; November 2010 / Nr. 136
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Wendi Eberle fuhr in seiner Aktivzeit als internationaler Skirennfahrer über 50 Mal aufs Podest. Heute lehrt er anderen Rollstuhlfahrern, die Angst im Monoskibob zu überwinden.

Von Christine Zwygart

«Ich erwache am Morgen meistens bevor der Wecker schrillt und starte mit einem Gefühl von Glück und Zufriedenheit in den Tag. Früher als Landwirt, gehörte ein deftiges Zmorge nach den ersten Arbeiten im Stall dazu – seit ich im Rollstuhl sitze, genügt mir eine Ovomaltine. Überhaupt kommt bei mir fast nie mehr Hungergefühl auf; essen müsste ich eigentlich den ganzen Tag nie etwas.
Jetzt in der Wintersaison verbringe ich viel Zeit in unserem Sportgeschäft: Skis wachsen, Kanten schleifen, Bindungen einstellen. Und natürlich verkaufen. Ich bin seit 35 Jahren in diesem Metier tätig und kenne mich gut aus – auch wenns um Monoskibobs für Rollstuhlfahrer geht. Da habe ich viel getüftelt und ausprobiert. Mir war schon während der Rehabilitation 1990 klar, dass ich als Paraplegiker weiter Skifahren will. Deshalb bestellte ich meinen Monoskibob noch vom Krankenbett aus. Beim ersten Versuche – nur Monate nach dem Unfall – kippte ich bereits in der ersten Kurve um. Ich brauchte etwas Zeit, mich an das neue Gefährt zu gewöhnen. Angst hatte ich nie, und mit etwas Übung flitzte ich bald die Hänge hinunter. Mein schönster Erfolg war die unverhoffte Goldmedaille in der Abfahrt an den Paralympics in Lillehammer 1994.
Als Bauer wäre ich wohl mein Leben lang im Flumserberg geblieben, hätte den Betrieb bewirtschaftet und wäre selten weggekommen. Im Rollstuhl reiste ich dank dem Sport um die ganze Welt und erlebte unheimlich viel. Für diese Erfahrungen bin ich dankbar. Auch dafür, dass ich als Rollstuhlfahrer weiterhin hier im Berggebiet wohnen kann – selbst wenn mir anfangs viele davon abrieten. Meinen Rollstuhl kann ich nun mit speziellen Winterpneus ausstatten; und so komme ich im Schnee prima vorwärts.

Wendi - aufgestellt und herzlich.

Im Jagdfieber
Meine zweite grosse Leidenschaft nebst dem Sport ist die Jagd. Den ersten Fuchs als Paraplegiker schoss ich, dick eingepackt in einen Wintermantel, vom offenen Schlafzimmerfenster aus. Heute amte ich in einem Revier als Obmann und beobachte die Tiere gerne durchs Fernglas – der Abschuss muss sein, steht für mich aber nicht an erster Stelle. Mein Lieblingstier ist übrigens der Fuchs, weil er schön und schlau ist.
In meiner Werkstatt läuft den ganzen Tag «Musigwälle» im Radio, denn die bringen für jeden Geschmack etwas. Das beschwingt mich beim Arbeiten. Ich liebe meine Selbstständigkeit, und wenn Kunden oder Freunde vorbeischauen, nehme ich mir Zeit für einen Schwatz oder einen Kaffee. Sonst sind die Wintertage eher streng, denn in meiner Skibob-Rennschule lehre ich Querschnittgelähmte zudem das Stangenfahren mit dem Monoskibob. Und viele Rollstuhlfahrer bringen ihren Ski für den Service zu mir. Denn die Kanten müssen für den Monoskibob speziell geschliffen werden, sonst lassen sich keine schönen Kurven schwingen. So richtig Freude kommt bei mir auf, wenn ich den Ski eines Stars bekomme. Fahren Grössen wie Didier Cuche oder Bode Miller einen Ski kaputt, erhalte ich das heil gebliebene Einzelstück – und das präpariere ich dann für die besten «Head»-Monoskibob-Fahrer.
Abends gehe ich mit meinen Kollegen gerne in den Ausgang, oder ich schaue mir am Fernsehen Sportsendungen an: Fussball, Tennis, Eishockey, Schwingen, Boxen – mich interessiert alles. Schon als kleiner Bub stand ich mitten in der Nacht auf, um mit meinem Vater am TV dem grossen Muhammad Ali im Boxring zuzusehen. Im Bett lasse ich den Tag dann ausklingen, plaudere noch ein bisschen mit meiner Frau Susi. Dann schlafe ich zufrieden ein.»

WENDI EBERLE: Der 54-Jährige lebt mit seiner Frau Susi in Portels / Flumserberg SG. Gemeinsam betreiben sie im Erdgeschoss ihres Hauses ein Sportgeschäft. Eberle stürzte 1990 von einer Linde und ist seither Paraplegiker. Es folgte eine glänzende Karriere als Behindertensportler im Monoskibob mit unzähligen Medaillen an Schweizer-, Europa- und Weltmeisterschaften sowie an Paralympics. 2003 trat er zurück und leitete die Technische Kommission von Rollstuhlsport Ski alpin. Heute engagiert sich Wendi Eberle beim Nachwuchs.

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